Humans of New York – Das schönste Beispiel für doppeltes Storytelling

Menschen lieben Geschichten. Geschichten wecken Emotionen und entführen den Empfänger in eine andere Welt. Der positive Effekt: Bei allen „Reisewilligen“ bleibt die Geschichte und deren Botschaft fest im Gedächtnis verankert.

Geschichten über und von Brandon Stanton

Eine junge Frau weint, weil ihrem Vater ein Gehirntumor entfernt wurde.

Screenshot_"Humans_of_New_York"

Screenshot_“Humans_of_New_York“

Ein Mädchen hält die Hand ihrer allein erziehenden Mutter.

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Brandon Stanton liefert mit seinem Blog “Humans of New York” ein außergewöhnliches Beispiel für Storytelling im Personal Branding. Außergewöhnlich, weil Brandon nicht durch seine eigene, sondern durch die Geschichten anderer Menschen bekannt wurde und dabei auch bewusst oder unbewusst seine eigene Story erzählt. Brandons Arbeit zeigt, was für eine große Wirkung selbst ein kleiner “Ausschnitt” Privatleben haben kann. Täglich durchstreift er die Straßen des Big Apple und fotografiert Menschen. Wildfremde Menschen. Er fragt sie nach ihren Geschichten und knipst. Das Ergebnis: Einige wenige Sätze eröffnen uns die Welt dieser Unbekannten. So stark ist Storytelling. Ein Foto, ein Satz, mehr braucht es nicht für die Eintrittskarte in die fremde Welt.

2010 begann er mit seinen Streifzügen durch die Straßen und mittlerweile ist sein Blog so beliebt, dass er damit Geld für gute Zwecke sammeln kann.  Brandon weiß worauf es ankommt: Er kombiniert aussagekräftige Porträts und kombiniert sie mit Geschichten die mitten ins Herz treffen.

Wenig Info, große Wirkung

Faszinierend ist, dass ein kleiner Ausschnitt genügt, unsere Aufmerksamkeit zu bannen und unsere Fantasie anzukurbeln. Wir lernen nur einen minimalen Aspekt der jeweiligen Person kennen, fühlen uns aber trotzdem emotional verbunden, selbst wenn wir das Gesicht nicht kennen. Allein das Bild zweier Männerbeine in alten Jeans – dessen Besitzer nicht erkannt werden will, weil er momentan keinen Job hat und seine Familie nicht beschämen möchte – spricht Bände.

Nach diesem Muster funktioniert auch Storytelling im Personal Branding. Wir präsentieren dem Empfänger einen bewusst gewählten Ausschnitt unserer Persönlichkeit, laden in unsere Welt und das Kopfkino übernimmt. Der Betrachter wird selbst kreativ und fügt den Rest nach eigenem Ermessen hinzu.

Warum sind diese Geschichten Brandons Branding?

Es sind doch gar nicht seine Geschichten, was sagt es uns dann über ihn? – Alles. Er präsentiert die Menschen, wie er sie sieht, mit den Botschaften, die ihn berühren, also aus der Perspektive eines 30-jährigen Weißen, gut situierten Mannes, der eine privilegierte Erziehung genossen hat. Welche Aspekte hätte eine 80 Jahre alte Frau chinesischer oder afroamerikanischer Abstammung gewählt? Wie hätte sie erzählt? Welche Personen hätte sie porträtiert? Wie würde einer der vorgestellten Charaktere (z.B. der Arbeitslose) die anderen präsentieren? Feindlich? Abweisend? Will heißen: Die Geschichten sind nicht objektiv gewählt und genau diese Subjektivität des Autors, seine Wahl der porträtierten Charaktere, der Blickwinkel, die Fragen, die Storys charakterisiert ihn auch selbst, erzählt seine Geschichte. Sie sagt uns: Ich weiß, was Menschen (wie mich) bewegt: Kleine, süße Kinder, alte Leute mit tiefen Furchen im Gesicht, Menschen afroamerikanischer Abstammung, die “einen guten Kern” haben, Obdachlose, die ich bemitleiden kann. – Durch all das Mitleid und die Sympathie, die wir empfinden, fühlen wir uns “großzügig” und freundlich, wir werden zum Gutmenschen, weil wir die anderen mögen und uns ihr Schicksal berührt. Brandon betrachtet New York mit einem “heile Welt Blick”, er vermittelt uns, dass alle Menschen nett sind – und verrät dadurch seine Perspektive. Zugegeben, Brandons Branding ist eine sehr subtile Form des Storytelling, nichtdestotrotz unglaublich aussagekräftig.

Darum ist Humans of New York Fiktion und kein Journalismus

“#Storytelling hoch zwei. Wenn der Erzähler sich selbst durch andere charaktisiert“

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Storytelling tarnt Storytelling, das ist clever. Ob Brandon das beabsichtigt, wissen wir nicht. Möglich ist, dass Humans of New York unbewusstes Personal Branding ist. Sowohl für den Sender – denn er verrät seine Perspektive – als auch für den Empfänger, der im Falle Brandon Stanton vielleicht gar nicht merkt, dass Brandon nur eine Perspektive porträtiert und keinen objektiven Journalismus betreibt, indem er das Gefühl vermittelt, ganz New York sei verbunden durch eine innige, rosarote, bedingungslose Nachbarschaftsliebe. Wir sympathisieren mit den Menschen und gleichzeitig mit dem Blogger, also Brandon. Genau das ist das Ziel von Personal Branding.

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