Virales Storytelling: Was der Volvo-Spot „The Epic Split“ lehrt

Ibrahim Evsan · Aktualisiert am · erstmals erschienen am · 8 Min. Lesezeit

Gezeichnete Illustration: Eine Figur steht mit ausgebreiteten Armen auf dem Mittelstreifen einer leeren, mehrspurigen Straße, dahinter geht eine große orange Sonne zwischen sanften Hügeln unter.

„The Epic Split“ von Volvo Trucks ist eines der bekanntesten Beispiele für virales Storytelling: Jean-Claude Van Damme macht darin einen Spagat zwischen zwei rückwärtsfahrenden Lastwagen. Der 75 Sekunden lange Spot erschien im November 2013, erreichte laut Wikipedia in der ersten Woche rund 25 Millionen Aufrufe und löste eine ganze Welle von Parodien aus. Ursprünglich als Werbung für Fachkunden gedacht, zeigt er, dass gutes Storytelling immer einen Menschen erreicht, egal ob in B2B, B2C oder im Personal Branding.

Was zeigt der Volvo-Spot „The Epic Split“?

Der Spot beginnt mit einer Nahaufnahme von Jean-Claude Van Damme. Er hat die Augen geschlossen und spricht aus dem Off einen kurzen, nachdenklichen Monolog über die Höhen und Tiefen seines Lebens. Dann öffnet er die Augen, die Kamera fährt zurück, und wir sehen: Er steht mit je einem Fuß auf den Außenspiegeln zweier Lastwagen, die langsam rückwärts fahren.

Die Lastwagen beginnen, auseinanderzudriften. Van Damme bleibt vollkommen ruhig und gleitet in einen Spagat, also genau die Bewegung, für die er seit Actionfilmen wie „Bloodsport“ und „Kickboxer“ Ende der 1980er-Jahre bekannt ist. Dazu läuft Enyas Song „Only Time“, im Hintergrund geht die Sonne unter.

Das Original kannst du dir auf dem YouTube-Kanal von Volvo Trucks ansehen.

Die Fakten: Wer steckt hinter „The Epic Split“?

„The Epic Split“ war der sechste Film der Kampagne „Live Test Series“, mit der Volvo Trucks seine Lastwagen in spektakulären, echten Tests vorführte. Die wichtigsten Daten im Überblick:

MerkmalAngabe
Veröffentlichung13. November 2013
Länge75 Sekunden
AuftraggeberVolvo Trucks
AgenturForsman & Bodenfors, Göteborg
RegieAndreas Nilsson
DrehortRollbahn des Flughafens Ciudad Real, Spanien
Beworbenes ProduktLenkung „Volvo Dynamic Steering“ im Volvo FM
Musik„Only Time“ von Enya
Aufruferund 25 Millionen in der ersten Woche, etwa 40 Millionen nach neun Tagen (laut Wikipedia)
AuszeichnungenCannes Lions 2014: Grand Prix Film und Grand Prix Cyber für die „Live Test Series“

Die „Live Test Series“ war bei den Cannes Lions 2014 die am häufigsten ausgezeichnete Kampagne. Weitere Details zur Entstehung fasst der englischsprachige Wikipedia-Artikel zu „The Epic Split“ zusammen.

Spannung, Humor und Insiderwissen: die drei Zutaten

Der Spot vereint die drei wichtigsten Zutaten für virales Storytelling: Spannung, Humor und Insiderwissen. Was im ersten Moment wie eine verrückte Idee wirkt, ist bis ins Detail durchdacht.

Spannung

Zu Beginn weiß niemand, worauf die Szene hinausläuft. Erst als die Kamera zurückfährt, verstehen wir die Lage, und sofort stellt sich die Frage: Geht das gut? Diese Unsicherheit hält uns bis zur letzten Sekunde fest.

Humor

Komisch ist die Gelassenheit, mit der Van Damme eine völlig absurde Situation meistert. Der Kontrast zwischen meditativer Ruhe, sanfter Musik und echter Gefahr bringt uns zum Schmunzeln. Warum Humor Geschichten so einprägsam macht, liest du im Beitrag über humorvolles Storytelling.

Insiderwissen

Wer Van Damme kennt, weiß, dass der Spagat sein Markenzeichen ist. Der Spot spielt mit diesem Wissen und gibt dem Publikum das Gefühl, eingeweiht zu sein. Genau dieses Gefühl macht Lust aufs Teilen: Man will anderen zeigen, was man selbst verstanden hat.

Warum ein B2B-Spot ein Millionenpublikum erreichte

„The Epic Split“ war eigentlich Werbung für eine sehr kleine Zielgruppe: Menschen, die Lastwagen kaufen oder Flotten verwalten. Trotzdem sahen ihn Millionen, die nie einen Lkw bestellen werden.

Der Grund liegt darin, dass der Spot das Produkt nicht erklärt, sondern beweist. Dass die Lenkung präzise und stabil ist, zeigt sich in einem einzigen Bild, das jeder versteht. Das Produkt ist nicht der Held der Geschichte, es macht den Helden erst möglich.

Bemerkenswert ist auch, was der Spot weglässt: technische Daten, Preise, Vergleiche mit der Konkurrenz. Wer mehr wissen will, sucht selbst nach dem Volvo FM und seiner Lenkung. Die Geschichte weckt die Neugier, die Information folgt freiwillig. Genau diese Reihenfolge ist im Storytelling entscheidend: erst das Gefühl, dann die Fakten.

Für dein Personal Branding steckt darin eine wichtige Lehre: Am Ende entscheiden Menschen, auch im Geschäftskundenbereich. Ein Einkaufsleiter ist auch ein Mensch, der lacht, staunt und Videos an Freunde weiterleitet.

Was gefällt, wird nachgeahmt: die Parodien

Ein deutliches Zeichen für viralen Erfolg ist, dass andere eine Idee aufgreifen und weiterspinnen. Bei „The Epic Split“ geschah das in großem Stil.

  • Nachahmer im Netz: Unzählige Menschen versuchten sich an eigenen Spagat-Videos, zwischen Stühlen, Fahrrädern, Mofas oder Tieren.
  • Chuck Norris: Das ungarische Animationsstudio Delov Digital veröffentlichte im Dezember 2013 einen computeranimierten Weihnachtsgruß. Darin macht eine Chuck-Norris-Figur einen Spagat zwischen zwei Transportflugzeugen, während elf Soldaten auf seinen Schultern balancieren und eine Art Weihnachtsbaum bilden. Das Video erreichte nach Medienberichten mehrere Millionen Aufrufe.
  • Im Weltall: Anfang 2014 folgte ein animierter Clip des Filmemachers Linh Mai, angelehnt an den Kinofilm „Gravity“. Eine Van-Damme-Figur grätscht darin im Raumanzug zwischen zwei Satelliten.
  • Weitere Varianten: Auch Schauspieler Channing Tatum stellte die Szene nach, und noch 2022 griff die Handelskette Kaufland den Klassiker für eine eigene Parodie auf.

Vorsicht mit Fortsetzungen und alten Ideen

Nicht jede Fortsetzung profitiert gleichermaßen vom Original. Die Chuck-Norris-Version funktionierte, weil sie ein neues Element hinzufügte: den Wettbewerb. Ein zweiter Actionheld der 1980er-Jahre tritt an, um den ersten zu übertrumpfen, und setzt gleich elf Soldaten obendrauf. Damit hatte niemand gerechnet, die Überraschung saß.

Bei der Weltraum-Variante war das anders. Sie war liebevoll gemacht, aber ihr fehlte die neue Zutat:

  • Sie bot keine Spannung mehr, denn wir wussten, was passieren würde.
  • Sie brachte kein neues Element, die Idee wurde nur in eine andere Kulisse versetzt.
  • Der Insidergag war inzwischen allen bekannt und damit kein Insidergag mehr.

Daraus lässt sich eine einfache Regel ableiten: Jede Wiederholung braucht einen echten neuen Dreh. Sonst erntet sie bestenfalls ein kurzes Schmunzeln und ist schnell vergessen.

Was du für dein Personal Branding lernen kannst

Virales Storytelling lässt sich nicht erzwingen, aber die Zutaten von „The Epic Split“ kannst du auf deine eigene Kommunikation übertragen:

  1. Zeig, statt zu behaupten: Volvo sagt nicht „unsere Lenkung ist präzise“, sondern beweist es. Zeig deine Kompetenz an einem konkreten Ergebnis statt mit Adjektiven.
  2. Nutze, was man über dich weiß: Van Dammes Spagat ist sein Markenzeichen. Was ist deins? Ein wiederkehrendes Thema, eine Haltung, ein Format, an dem man dich erkennt. Mehr dazu im Beitrag 5 Wege zu einem hohen Wiedererkennungswert.
  3. Bau einen Kontrast ein: Ruhe und Gefahr, Ernst und Augenzwinkern. Kontraste machen Geschichten einprägsam.
  4. Halte es kurz: 75 Sekunden reichten für eine vollständige Geschichte. Auch dein Beitrag braucht keinen langen Anlauf.
  5. Erzähle eine Haltung: Der Monolog über Höhen und Tiefen macht aus einem Stunt eine kleine Lebensgeschichte. Wie das im Großen funktioniert, zeigt der Beitrag Heldenreise im Personal Branding.

Kann man virales Storytelling planen?

Virales Storytelling lässt sich nicht garantieren, aber man kann die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen. „The Epic Split“ war kein Zufallstreffer, sondern Teil einer Serie, in der Volvo Trucks immer wieder echte Tests in überraschende Bilder verwandelte. Die Agentur hatte also mehrere Anläufe, und einer davon traf einen Nerv.

Für dich als Person heißt das: Setze nicht alles auf einen einzigen Beitrag. Sichtbarkeit entsteht durch eine Reihe guter Geschichten, von denen manche mehr Menschen erreichen als andere. Wer regelmäßig erzählt, lernt mit jedem Beitrag, was sein Publikum bewegt.

Diese Fehler verhindern Reichweite

  • Der Versuch, um jeden Preis viral zu gehen: Beiträge, die nur auf Aufmerksamkeit zielen, wirken bemüht und passen selten zur eigenen Marke.
  • Zu viel Erklärung: Wer die Pointe erklärt, nimmt ihr die Wirkung. Der Volvo-Spot erklärt seinen Stunt mit keinem Wort.
  • Kein Bezug zur Botschaft: Ein lustiges Video, das niemand mit dir oder deinem Thema verbindet, bringt Klicks, aber keine Reputation.
  • Fehlende Echtheit: Gestellte Szenen, die als echt verkauft werden, fliegen im Netz oft auf und kosten Vertrauen.

Die gute Nachricht: Für Personal Branding brauchst du keine 40 Millionen Aufrufe. Es reicht, wenn die richtigen hundert Menschen deine Geschichte sehen und weitererzählen.

Im Glanz anderer erstrahlen, aber richtig

Von den Ideen anderer zu profitieren ist auch im Personal Branding legitim, wenn du etwas Eigenes beiträgst. Das gilt für Trends auf LinkedIn genauso wie für Formate auf Instagram oder TikTok.

Bevor du einen Trend aufgreifst, prüfe drei Fragen:

  • Was füge ich hinzu, das es vorher nicht gab?
  • Passt die Idee zu meinem Thema und zu meiner Persönlichkeit?
  • Würde mein Publikum den Beitrag auch ohne den Trend interessant finden?

Kannst du alle drei Fragen mit Ja beantworten, lohnt sich der Versuch. Weitere Grundregeln für gute Geschichten findest du in den 7 Tipps für Storytelling im Personal Branding.

Fazit: ein Spagat zwischen Alt und Neu

„The Epic Split“ ist auch mehr als zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung ein Lehrstück für virales Storytelling. Der Spot zeigt, wie Spannung, Humor und Insiderwissen zusammen eine Geschichte erzeugen, die Menschen freiwillig weitertragen, selbst wenn das beworbene Produkt ein Lastwagen ist.

Die Parodien zeigen die zweite Lehre: Eine gute Idee lebt davon, dass sie überrascht. Wer nur kopiert, wird schnell vergessen. Wer dagegen etwas Eigenes hinzufügt, kann sogar vom Erfolg eines Klassikers profitieren, wie der Weihnachtsgruß von Delov Digital gezeigt hat. Die Kunst, im Glanz anderer zu erstrahlen, ist am Ende selbst ein Spagat zwischen Alt und Neu.

Häufige Fragen

Was ist „The Epic Split“?

„The Epic Split“ ist ein Werbespot von Volvo Trucks aus dem November 2013. Jean-Claude Van Damme macht darin einen Spagat auf den Außenspiegeln zweier Lastwagen, die langsam rückwärts auseinanderfahren, untermalt von Enyas Song „Only Time“. Der Spot war Teil der Kampagne „Live Test Series“.

Wer hat den Volvo-Spot mit Van Damme gemacht?

Der Spot stammt von der schwedischen Werbeagentur Forsman & Bodenfors, Regie führte Andreas Nilsson. Gedreht wurde auf der Rollbahn eines Flughafens in Spanien. Auftraggeber war Volvo Trucks, beworben wurde die Lenkung des Lastwagens Volvo FM.

Warum ging der Volvo-Spot viral?

Der Spot verbindet Spannung, Humor und ein Insider-Element: Van Damme macht genau das, wofür er aus seinen Actionfilmen bekannt ist, nur in einer völlig absurden Situation. Dazu kommen ruhige Bilder und Musik, die einen starken Kontrast zur Gefahr bilden. Das Video ist kurz, überraschend und lädt zum Teilen ein.

Was kann ich vom viralen Storytelling für mich lernen?

Du kannst lernen, dass eine einzige starke Idee mehr bewirkt als viel Budget, wenn sie überrascht und zu dir passt. Nutze, was dein Publikum über dich weiß, und baue einen unerwarteten Dreh ein. Kopiere keine Trends ohne eigenen Beitrag, denn Wiederholungen nutzen sich schnell ab.

Welche Parodien gab es auf „The Epic Split“?

Zu den bekanntesten zählt ein computeranimierter Weihnachtsgruß des ungarischen Studios Delov Digital, in dem Chuck Norris einen Spagat zwischen zwei Transportflugzeugen macht. Anfang 2014 folgte ein Clip des Filmemachers Linh Mai, in dem eine animierte Van-Damme-Figur im Weltall zwischen zwei Satelliten grätscht.

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