Unternehmergeist USA und Deutschland: Was wir lernen können

Ibrahim Evsan · Aktualisiert am · erstmals erschienen am · 8 Min. Lesezeit

Gezeichnete Illustration: Links zieht eine große graue Menschenmenge in einer geraden Reihe zum Horizont, rechts geht eine einzelne Figur einen eigenen, geschwungenen Weg auf eine orange Sonne zu.

Der amerikanische Unternehmergeist zeigt sich vor allem in drei Haltungen: Chancen zuerst sehen, früh ausprobieren und offen über die eigene Arbeit sprechen. In Deutschland gründen deutlich weniger Menschen, laut Global Entrepreneurship Monitor 2024 lag die Gründungsquote hier bei 9,8 Prozent, in den USA bei 19 Prozent. Von dieser Haltung kannst du im Beruf und im Personal Branding profitieren, ohne deine eigenen Stärken aufzugeben.

„I did it my way“: Worum es in diesem Vergleich geht

„I did it my way“ stammt aus dem Song „My Way“, den Frank Sinatra 1969 veröffentlichte, und steht für einen selbstbestimmten Weg. Genau darum geht es beim Unternehmergeist: die Bereitschaft, eine eigene Idee zu verfolgen, auch wenn sie nicht dem üblichen Weg entspricht.

Als ich diesen Artikel 2015 zum ersten Mal schrieb, beschäftigte mich eine Frage: Warum wirken so viele amerikanische Unternehmerinnen und Unternehmer so überzeugt von ihren Ideen, während in Deutschland oft zuerst die Risiken besprochen werden? Diese Frage ist heute noch aktuell. Sie verdient aber eine faire Antwort, ohne Klischees über „die Amerikaner“ oder „die Deutschen“. Beide Länder sind vielfältig, und jede Verallgemeinerung hat Ausnahmen.

Was die Zahlen zum Unternehmergeist sagen

Der Global Entrepreneurship Monitor, kurz GEM, ist die größte internationale Vergleichsstudie zum Gründungsgeschehen und erhebt seit 1999 jährlich Daten. Seine wichtigste Kennzahl ist die TEA-Quote: der Anteil der Erwachsenen, die gerade ein Unternehmen gründen oder ein junges Unternehmen führen.

KennzahlDeutschlandUSA
Gründungsquote (TEA) 20249,8 Prozent, höchster Wert seit 199919 Prozent, höchster Wert in der GEM-Geschichte der USA
Angst vor dem Scheitern hält von Gründung ab49 Prozent der Befragtenkeine Vergleichszahl hier ausgewiesen

Die deutschen Zahlen stammen aus dem GEM-Länderbericht Deutschland 2024/2025, die amerikanischen aus dem GEM-Bericht für die USA. Zwei Dinge fallen auf. Erstens gründen in den USA anteilig fast doppelt so viele Menschen. Zweitens holt Deutschland auf: Die Gründungsquote war 2024 so hoch wie nie seit Beginn der Messung.

Ist die Angst vor dem Scheitern typisch deutsch?

Die Angst vor dem Scheitern ist in Deutschland hoch, aber sie ist kein deutsches Sonderphänomen. Im deutschen GEM-Bericht gaben 49 Prozent der Befragten an, diese Angst halte sie von einer Gründung ab. Über alle am GEM beteiligten Länder hinweg lag der Anteil 2024 laut dem globalen Bericht ebenfalls bei 49 Prozent.

Der Unterschied liegt deshalb weniger in der Angst selbst als im Umgang damit. In der amerikanischen Gründerszene wird ein gescheitertes Projekt häufig als Lernerfahrung erzählt, die man im nächsten Anlauf nutzt. In Deutschland haftete dem Scheitern lange ein stärkeres Stigma an. Auch rechtlich hat sich hier etwas bewegt: Seit einer Reform Ende 2020 können Privatpersonen und Selbstständige in Deutschland nach einer Insolvenz in der Regel schon nach drei statt sechs Jahren schuldenfrei neu starten.

Für dein Personal Branding heißt das: Rückschläge sind kein Makel, den du verstecken musst. Erzählt mit dem, was du daraus gelernt hast, machen sie dich glaubwürdiger. Wie du mehr Mut aufbringst, sichtbar zu werden, liest du im Beitrag Mit mehr Mut zu Personal Branding.

Haltung 1: Chancen zuerst sehen

Die erste Haltung, die man dem amerikanischen Unternehmergeist oft zuschreibt, ist die Chancenorientierung. Bei einer neuen Idee fragen viele zuerst: Was könnte daraus werden? Erst danach kommt die Frage, was schiefgehen könnte.

Der Schweizer Internetunternehmer Andreas Göldi hat das 2008 im Blog netzwertig.com beschrieben. Sinngemäß schrieb er, viele amerikanische Technologie-Start-ups planten von Anfang an für einen sehr großen Markt, während europäische Gründer häufig zuerst an die erste Million Umsatz dächten. Ein Grund dafür ist ganz praktisch: Ein riesiger Binnenmarkt mit einer Sprache und einem Rechtsraum macht schnelles Wachstum leichter.

Göldi beschrieb auch die Kehrseite: Amerikanische Kunden begeistern sich schnell für alles, was nach einer Chance aussieht, verlieren das Interesse aber ebenso schnell, wenn die Ergebnisse ausbleiben. Chancenorientierung ist also kein Freifahrtschein. Sie öffnet Türen, halten muss man sie mit Leistung.

Haltung 2: Früh ausprobieren statt endlos planen

Die zweite Haltung ist „Learning by Doing“: lieber eine unfertige Version zeigen und daraus lernen, als ein Projekt so lange zu planen, bis die Gelegenheit vorbei ist. Das kann zu Nacharbeit führen, aber es verkürzt den Weg zur Erkenntnis, ob eine Idee überhaupt gefragt ist.

Deutschland hat hier eine besondere Stärke, die oft übersehen wird. Die duale Ausbildung verbindet seit Jahrzehnten Praxis im Betrieb mit Theorie in der Berufsschule und gilt international als Vorbild. Auch die USA kennen Ausbildungsprogramme, doch dort durchläuft nur ein kleiner Teil der jungen Menschen eine solche Lehre. Praxisnähe ist also keine amerikanische Erfindung. Der Unterschied liegt eher darin, wie früh man sich traut, etwas Unfertiges öffentlich zu zeigen.

Im Personal Branding bedeutet das: Warte nicht auf den perfekten ersten Beitrag. Veröffentliche, beobachte die Reaktionen und verbessere dich mit jedem Schritt. Warum der richtige Zeitpunkt meist jetzt ist, erklärt der Beitrag 6 Gründe, jetzt mit Personal Branding zu beginnen.

Haltung 3: Offen über die eigene Arbeit sprechen

Die dritte Haltung ist die Selbstverständlichkeit, mit der viele Amerikanerinnen und Amerikaner über ihre Arbeit und ihre Erfolge sprechen. Netzwerken gehört dort zum Berufsalltag: Man erwähnt, wen man kennt, stellt Menschen einander vor und denkt dabei auch strategisch.

In Deutschland gilt Zurückhaltung oft als Tugend. Wer zu laut über sich spricht, wirkt schnell angeberisch. Doch Zurückhaltung hat einen Preis: Wer nicht sichtbar ist, wird nicht gefunden, nicht empfohlen und nicht gefragt. Wie du dich zeigst, ohne dich zu verbiegen, beschreibt der Beitrag Selbstvermarktung zwischen eigener Darstellung und Zurückhaltung.

Heute findet ein großer Teil dieser Sichtbarkeit online statt, für Fach- und Führungskräfte vor allem auf LinkedIn. Ein gepflegtes Profil, regelmäßige Beiträge aus deinem Arbeitsalltag und ehrliche Kommentare bei anderen sind die moderne Form des amerikanischen Netzwerkens. Dazu kommt: KI-Suchsysteme wie ChatGPT oder Perplexity fassen zusammen, was im Netz über dich zu finden ist. Wer sich nicht zeigt, kommt in diesen Antworten schlicht nicht vor. Dass Talent allein dafür nicht reicht, zeigt der Beitrag Zwischen Talent und Tüchtigkeit.

Ein Satz, der der Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou zugeschrieben wird, fasst die Haltung dahinter gut zusammen:

„Success is liking yourself, liking what you do, and liking how you do it.“

Sinngemäß: Erfolg heißt, sich selbst zu mögen, zu mögen, was man tut, und zu mögen, wie man es tut. Wer so über seine Arbeit denkt, spricht auch leichter darüber.

Was deutsche Stärken wert sind

Ein fairer Vergleich gehört zu diesem Thema dazu, denn die deutsche Art zu arbeiten hat große Stärken. Gründlichkeit, Verlässlichkeit, technische Qualität und langfristiges Denken haben viele deutsche Unternehmen weltweit erfolgreich gemacht. Deutschland gehört seit Jahren zu den Ländern mit den meisten Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt.

Häufig wird gesagt, Deutsche seien stark im Entwickeln und Amerikaner stark im Vermarkten. Ganz so einfach ist es nicht, aber ein wahrer Kern steckt darin: Eine hervorragende Leistung, über die niemand spricht, bleibt oft unter ihrem Wert. Am stärksten bist du deshalb, wenn du beides verbindest: deutsche Substanz und amerikanischen Mut zur Sichtbarkeit.

HaltungHäufig in den USA beschriebenHäufig in Deutschland beschriebenDie starke Verbindung
Neue IdeeZuerst die Chance sehenZuerst die Risiken prüfenChance benennen, Risiken kennen
UmsetzungFrüh ausprobierenGründlich planenKlein starten, gründlich verbessern
ScheiternAls Lernerfahrung erzählenLieber verschweigenOffen benennen, was du gelernt hast
SichtbarkeitOffen über Erfolge sprechenLeistung soll für sich sprechenLeistung zeigen, ohne zu übertreiben

So überträgst du den Unternehmergeist auf dein Personal Branding

Personal Branding handelt von Selbsteinschätzung, Eigenvermarktung und klaren Zielen, und genau dort hilft eine Portion amerikanischer Unternehmergeist. Diese Schritte kannst du sofort umsetzen:

  1. Formuliere ein großes Ziel: Wofür möchtest du in drei Jahren bekannt sein? Denk dabei bewusst größer als gewohnt.
  2. Starte mit einem kleinen Test: Ein Beitrag, ein Vortrag, ein Gespräch. Erste Reaktionen sind wertvoller als jeder Plan.
  3. Erzähl auch vom Scheitern: Teile einen Fehler und das, was du daraus gelernt hast. Das schafft Vertrauen.
  4. Pflege dein Netzwerk aktiv: Stell Menschen einander vor, empfiehl andere, bedanke dich öffentlich. Netzwerken ist Geben, nicht nur Nehmen.
  5. Sprich über deine Arbeit: Zeig Ergebnisse, Projekte und Erkenntnisse, sachlich, aber selbstbewusst.
  6. Bleib bei deiner Substanz: Sichtbarkeit ohne Qualität verpufft. Was du zeigst, muss halten, was es verspricht.

Was Personal Branding insgesamt ausmacht, erklärt der Grundlagenartikel Was ist Personal Branding?. Wer sich zur Inspiration Geschichten über mutige Unternehmerinnen und Unternehmer ansehen möchte, findet Anregungen in unserer Liste der besten Filme über Personal Branding.

Fazit: Deinen eigenen Weg gehen

Vom amerikanischen Unternehmergeist können wir vor allem drei Dinge lernen: Chancen zuerst zu sehen, früh auszuprobieren und offen über die eigene Arbeit zu sprechen. Die Zahlen zeigen, dass in den USA deutlich mehr gegründet wird, aber auch, dass Deutschland aufholt.

Am Ende zählt dort wie hier, wie viel Substanz jemand mitbringt. Die beste Verbindung ist deshalb keine Kopie, sondern eine Mischung: deutsche Gründlichkeit mit dem Mut, sichtbar zu sein. Jeder von uns kann eine Menge erreichen. Teile deine Gedanken, zeig, was du kannst, und lass dich nicht von Skepsis oder Spott entmutigen. Denn sobald deine Ideen die richtigen Menschen erreichen, hast du deinen Weg gefunden. Ganz im Sinne von „I did it my way“.

Häufige Fragen

Was unterscheidet den Unternehmergeist in den USA von Deutschland?

In den USA gründen deutlich mehr Menschen: Laut Global Entrepreneurship Monitor lag die Gründungsquote 2024 bei 19 Prozent, in Deutschland bei 9,8 Prozent. Häufig beschrieben werden in den USA eine stärkere Chancenorientierung, ein schnelleres Ausprobieren und ein offenerer Umgang mit Selbstvermarktung. Deutschland punktet dagegen mit Gründlichkeit, Qualität und einer starken Ausbildung.

Haben Deutsche mehr Angst vor dem Scheitern?

Die Angst vor dem Scheitern ist in Deutschland hoch, aber kein deutsches Sonderphänomen. Im GEM-Bericht 2024/2025 gaben 49 Prozent der Befragten in Deutschland an, dass sie diese Angst von einer Gründung abhält. Über alle GEM-Länder hinweg lag der Anteil 2024 ähnlich hoch.

Was bedeutet Fehlerkultur im Personal Branding?

Fehlerkultur im Personal Branding heißt, offen über Irrtümer und Rückschläge zu sprechen und zu zeigen, was du daraus gelernt hast. Das macht dich glaubwürdig und nahbar. Wer nur Erfolge zeigt, wirkt schnell unnahbar oder unehrlich.

Muss ich mich wie ein Amerikaner vermarkten, um erfolgreich zu sein?

Nein. Übertriebene Selbstdarstellung wirkt in Deutschland oft unglaubwürdig. Sinnvoll ist, die Haltung hinter dem amerikanischen Stil zu übernehmen: Chancen sehen, sichtbar sein, ausprobieren. Den Ton darfst du so wählen, wie er zu dir und deinem Publikum passt.

Woher stammt der Ausdruck „I did it my way“?

Der Ausdruck geht auf den Song „My Way“ zurück, den Frank Sinatra 1969 veröffentlichte. Den englischen Text schrieb Paul Anka. Die Zeile steht bis heute für einen selbstbestimmten Lebensweg.

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